THIS LAND IS MY LAND

SUSANNE BRANDSTÄTTER

REGIESTATEMENT

„Was zum Teufel passiert mit meinem Land?“
November 2016. Am Tag nach Donald Trumps Wahl zum Amerikanischen Präsidenten war ich in Schock – wie viele Menschen. Und als die Zeit verging, potenzierte sich dieser Schockzustand zur Bestürzung, Unverständnis, und entwickelte sich zu Hoffnungslosigkeit, Frustration und Wut. Die Präsidentschaft von Donald J. Trump hat nicht nur die Vereinigten Staaten polarisiert, sondern auch Menschen auf der ganzen Welt.

Die Spaltung wächst. Die Fronten scheinen verfestigt zu sein. Auf der einen Seite stehen die leidenschaftlichen Trump-Anhänger, für die er nichts falsch machen kann. Sie sehen in ihm den erfolgreichen, nonkonformistischen Geschäftsmann, der zum Politiker wurde, und der sich vor nichts fürchtet, besonders wenn es darum geht, das Land wiederaufzubauen und „to make America great again“.
Auf der anderen Seite gibt es die Trump-Gegner, die in ihm die ultimative Bedrohung für die Demokratie sehen – einen skrupellosen Autokraten, der nicht davor zurückscheut, Gesetze zu seinem eigenen Vorteil umzudeuten, oder zu missachten. Ein Tyrann, ein Rassist, ein Frauenfeind – ein inkompetenter, korrupter, egozentrischer Politiker, der sich nur auf seine persönliche Agenda konzentriert. Eine Gefahr für die ganze Welt.

Nach Trumps Wahl vor vier Jahren, wusste ich, dass ich meinen neuen Film über dieses Phänomen machen muss. Ich bin Amerikanerin und habe mein ganzes Erwachsenenleben in Europa verbracht – die meiste Zeit in Österreich. Doch ich bin in LA in einer progressiven Familie von Demokraten aufgewachsen. Und ich wollte verstehen, was passiert ist. Während der Dreharbeiten zu „This Land Is My Land“ habe ich miterlebt, wie meine Protagonistinnen und Protagonisten zunehmend von der Polarisierung ergriffen wurden. Geht es jetzt darum eine „kaputte“ Gesellschaft auszusöhnen? Wenn ja, wie?
Viele von Donald Trumps Wähler stammten aus Gruppen, von denen nicht erwartet wurde, dass sie für ihn stimmen. Die nicht in eines der Stereotypen der „Trump-Wähler“ passte. Die Frauen, die Minderheiten, die lebenslangen Demokraten, die hochschulgebildete obere Mittelschicht. Deshalb habe ich mich entschlossen, eine sehr atypische Gruppe von Trump-Wählern in Ohio, einen Swing-State, auszuwählen – zusammen mit einigen ihrer Familienmitglieder, Freunden und Kollegen. Diese Wähler weichen merklich von den durchschnittlichen Trump-Wählern ab – dennoch sind sie repräsentativ für Millionen anderer wie sie, die bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016 die Wahl zugunsten von Donald Trump bestimmt haben. 

Als ich sie zum ersten Mal traf, erklärte ich, dass ich, wie auch die meisten Euro-päer, Hilfe brauche, um zu verstehen, warum sie und so viele andere Donald Trump unterstützen. Gerade, weil ich so lange in Europa lebe, bin ich auf ihre Hilfe angewiesen, um meine Wissenslücken zu füllen.
Meine goldene Regel war: Streite nicht, höre zu. Eine Regel, an die ich mich ge-halten habe – obwohl es oft nicht einfach war. In meinem Versuch zu verstehen, warum diese Wähler für Trump waren, lernte ich sie auch kennen – ich tauschte mich mit unseren Protagonistinnen und Protagonisten aus und begann sie zu verstehen.
Dann passierte etwas Seltsames: Ich fing an, unsere Protagonisten zu mögen. Es gab Zeiten, in denen ich mich deswegen wie ein Verräter fühlte. Nicht, dass sie meine Meinung über Trump geändert hätten! Ihre Aussagen und Standpunkte lie-ßen meine Haare oft zu Berge stehen, oder hat mich richtig wütend gemacht.

Daher beschloss ich, dass meine Zuschauer die gleiche emotionale Ambivalenz erleben müssen, die ich empfand. Der Dokumentarfilm nimmt den Betrachter mit auf meinem emotionalen Selbstversuch: Er untersucht, was passiert, wenn wir wirklich zuhören und versuchen, sich jemanden empathisch zu öffnen, der Meinungen hat, die unsere eigenen diametral entgegenstehen.

Können wir Menschen von der „anderen Seite“ verstehen? Die Trump-Wähler?

Bolsonaro-Wähler? Le Pen oder Orban Wähler? Nicht leicht, besonders wenn ihre Position deine eigenen völlig entgegengesetzt ist. Wie sind diese Wähler dorthin gekommen, wo sie jetzt sind? Unsere Protagonisten und ich haben über alle möglichen Dinge miteinander gesprochen – Familie, Liebesleben, Hobbys, Arbeit. Aber wenn es um Trump ging, stellte ich nur Fragen und hörte zu.

Ich habe auch Trump-Gegnern zugehört. Unsere Protagonisten trafen sich vor der Kamera mit Familienmitgliedern oder Freunden, die absolut und massiv gegen Trump waren. Sie diskutierten, sie stritten sich, sie schimpften, sie schäumten vor Wut. Kurz gesagt, es war emotional.

„This Land Is My Land“ erforscht Gefühle und Emotionen – die der Protagonisten, meiner eigenen und insbesondere der der Zuschauer. Sind wir bereit, dem „Anderen“ wirklich zuzuhören? Nicht nur einmal, sondern immer wieder? Es kann und wird Sie unangenehm berühren. So sollte es sein.

Gibt es einen Ausweg aus der Polarisierung, die wir in den USA und in Europa erleben? „This Land Is My Land“ bietet keine einfache Lösungen – stattdessen zieht der Film den Betrachter in einen laufenden Prozess ein und prüft die Fähigkeit des Zuschauers, sich dem „Anderen“ zu stellen, ihn zu verstehen. Implizit im gesamten Film ist die Einladung, aus unserer „Bubble“ herauszutreten und sich mit Menschen auszutauschen, die anders denken als wir. Das bedeutet nicht, dass wir nachgeben müssen, wenn es um Streitpunkte geht, die für uns wichtig sind – oder, dass wir unsere Grundwerte in Frage stellen. Aber es bedeutet, dass wir lernen mit der anderen Seite zu kommunizieren – dass wir mit den Ursachen unserer Spaltung lernen umzugehen, anstatt sie nur zu verdrängen.
Nicht auf gegensätzliche Standpunkte zu hören, sie nicht ernst zu nehmen, ist meiner Meinung nach, ein gefährlicher Fehler.